Oktober 2000 www.initiative.cc

Brauchen wir die Bauern überhaupt noch?

Ist der Bauernstand der Vernichtung preisgegeben ? Warum fließt die Hälfte der EU-Budget in die Landwirtschaft ? Sind die Bauern Millionen-Abzocker die immer mehr wollen ? Kann nicht eine Lebensmittelindustrie, die moderne (Gen)Technologien einsetzt, genauso für die Versorgung mit Nahrungsmittel sorgen ?  Sind die bäuerlichen Familienbetriebe überholt und wir brauchen Agrarfabriken ?

Vorweg eines. Es soll mit diesem Schreiben nicht seniert werden wie schlecht es uns geht, oder wie ausweglos das Ganze ist, sondern es soll jeder angeregt werden, sich seine eigenen Gedanken dazu zu machen. Denn jede Veränderung beginnt zuerst im Kopf. Wir wollen über Fakten informieren, die oftmals verschwiegen werden. Nicht pessimistisch, sondern realistisch müssen diese Dinge gesehen werden. Denn nur wer die Probleme kennt, der kann sie beseitigen.

Von Fritz Loind - Oktober 2000

Die Anzahl der landwirtschaftlichen Betriebe sinkt rasant.

In Österreich schließen ca. 600 Höfe pro Monat. Experten rechnen damit, daß wenn die Agenda 2000 so wie es geplant durchgeführt wird, werden nur mehr 10 - 20 % der Betriebe von 1950 übrigbleiben. Von den Unmengen an Arbeitsplätzen die verloren gehen ganz zu schweigen.

Gleichzeitig verändert sich die Struktur der Höfe. Gab es z.B in Deutschland 1960 noch mehr als 1,2 Millionen Höfe unter 20 ha, waren es 1995 nur noch 332.100. Ihre Anzahl nahm um 75 % ab. Immer mehr Agrarfabriken mit noch mehr Tieren entstehen.

Die Zahlen belegen die immer schneller werdende Vernichtung eines Standes, nämlich des Bauernstandes. Was übrig bleibt sind Agrarfabriken, die mit Bauer nichts mehr zu tun haben, wo Mensch und tierverachtende Zustände herrschen in denen das Tier nur mehr ein Produktionsmittel ist.

Z.B. haben nur 1,8% aller Legehennenhalter,  90 % des gesamten Legehennenbestandes (D). 3% aller Schweinemäster mästen 33% aller Schweine. 6% der Getreidebauern haben 50 % der Fläche und produzieren 60 % der Ernte usw. und so fort.

Wo mit Massentierhaltung, Monokulturen und gewaltigem Einsatz von Chemie Nahrung erzeugt wird, die nicht mehr gesund sein kann. Die Probleme die dieser Raubbau an der Natur mit sich bringt sind ja  bekannt.

Kein vernünftig denkender Mensch kann das nachvollziehen, was da an Verordnungen vor allem auf dem Agrarsektor erlassen wird. Im Osten ist die zentralistische Kommandowirtschaft der Kommunisten Gott sei Dank zusammengebrochen, und in Brüssel wird sie wieder aufgebaut.

Wo führt diese Entwicklung hin ??

Die Produktivitätssteigerung in der Landwirtschaft betrug seit 1950  pro Hektar plus 100% und pro Arbeitskraft plus 800%.  Diese  enormen Produktivitätssteigerung ergeben außer den Problemen für Mensch, Tier und Umwelt auch viele Überschußprobleme. Die Überschüsse werden eingelagert, oder durch wiedersinnige Stützungen auf sogenanntes Weltmarktpreisniveau gesenkt, dann in irgendwelche fernen Länder exportiert, und ruinieren auch noch dort den Bauernstand der mit diesem Preis nicht mithalten kann.

Welche Auswüchse das ganze System bringt, zeigt sich z.B. in der Herodes Prämie, wo noch immer Gelder bezahlt werden, für die Schlachtung von nur ein paar Tage alten Kälbern, die dann zu Tiermehl verarbeitet werden und wieder den Tieren verfüttert werden. Das eine solch perverse Vorgehensweise (z.B auch das verarbeiten von Klärschlamm zu Kraftfutter) dann in Folge zu den verschiedensten Problemen wie BSE oder Dioxin führt ist wohl nur allzu logisch.

Die vielen Milliarden die der Bauer bekommt.


Die Öffentlichkeit erfährt nämlich immer nur den selben dummen Spruch, daß die Bauern Milliarden kosten, daß die Hälfte des EU-Haushalts für die Landwirtschaft drauf geht, und daß man nicht mehr bezahlen kann.

Die Wahrheit stellt sich ganz anders dar. Denn nicht der Bauer sackt die Milliarden ein sondern die verarbeitende Industrie. Die profitiert von Festpreisen, von den Mechanismen der Einlagerung überschüssiger Ware, dem Herunterschleusen  der Lebensmittelpreise auf sogenanntes Weltmarktniveau, usw. Hier werden auch die Millionen Betrügereien begangen, den im Dschungel der EU-Subventionen kennt sich kaum noch jemand aus.

Die vielen Milliarden die an die Bauern gehen werden so oft wiederholt und jeder Politiker und Funktionär rechnet den Bauern vor, wie teuer sie sind, und daß sie eigentlich froh sein müßten, daß nicht mehr gekürzt wurde.   

Genau diese Funktionäre lassen es seit Jahrzehnten zu, daß die Öffentlichkeit glaubt, die Bauern

 leben wie die Maden im Speck und wollen noch immer mehr Subventionen. Leider fragt sich niemand, wenn es den Bauern so gut geht, warum geben dann immer mehr auf ?

 

Wie schon gesagt kommt nur ein Bruchteil des für landwirtschaftliche Zwecke deklarierten Förderungen tatsächlich zu den Höfen, aber auch bei diesem kleinen Teil bekommen wieder die Großen (Fabriken) das weitaus größte Stück von Kuchen. Wachse oder Weiche heißt das Motto.

 

5 Mitgliedstaaten (D,E,F,I,GB)  90% aller EU-Flächenbeihilfen.

Das die Englische Königin die größte Subventionsempfängerin ist, dürfte ja bekannt sein. Auch in Deutschland bekommt zum Beispiel ein einziger Betreib mit fast 9000 ha  45 Mio. Schilling an Förderung.  Auch haben nur wenige Prozent der Halter die meisten Tiere, und bekommen natürlich auch die meiste Förderung.  Von unnatürlichen und Tierquälerischen Haltungsweisen ganz zu Schweigen, bei Hunderten oder Tausenden Tieren pro Stall, wo eine "Produktion" nur mit massiven Einsatz von Medikamenten möglich ist.

 

Aber die wirklichen Gewinner sind die verarbeitende Industrie und Handel, und Bereiche, wo man glaubt, daß dies mit Landwirtschaft nichts zu tun hat. Aber es fällt alles ins Landwirtschaftbudget.

Das alles fällt z.B. ins Landwirtschaftsbudget der EU:  Daten von 1997  

Zuckerexportstützung  16,3 Mrd. ÖS  / Rindfleischexportstützung:  19,2 Mrd. ÖS

Getreideexportstützung:  4,4 Mrd. ÖS  / Kartoffelstärkeproduktion  2,2 Mrd. ÖS

Tomatenproduktion 4,4 Mrd. ÖS  / Magermilchverwertung   8,2 Mrd. ÖS  / Zucker für Chemie  960 Mio. ÖS

Ölivenöl Konservierungsstützung:   360 Mio. ÖS

Ananaskonservenproduktionsstützung:  96 Mio. ÖS . (Ananaskonservenproduktion gibt es nur 1 Unternehmen in einer Französischen Kolonie, wo bei einer Prüfung festgestellt wurde, daß der Gewinn dieses Unternehmens ca. gleich hoch war als die Förderung der EU.)

-Tabakproduktionsstützung:  12,2 Mrd. ÖS / Seidenraupen und Seidenraupeneierproduktionsstützung:12 Mio. ÖS   

-Exporterstattung für in Form von bestimmten alkoholischen Getränken ausgeführtes Getreide: 240 Mio. ÖS

-Maßnahmen zur Förderung der audiovisuellen Produktionsindustrie: 600 Mio. ÖS

 

Wie sie in der vorgehenden Aufstellung sehen, betreffen diese großen Förderungen alle die Industrie und nicht den Bauern. Und betrachten Sie noch einmal, was den da gestützt wird: Seidenraupenproduktion, Exporterstattung in Form von ..... , Ananaskonservenproduktion, usw..

 
Zum Abschluß der Daten ist noch interessant, wie Ausgabeposten in der EU verteilt sind, nämlich über 97 % des gesamten Budget verwalten die nicht gewählten, und wie man gesehen hat, nicht zur Rechenschaft ziehbaren Kommissare, der Rest ist aufgeteilt auf  Rat, Parlament, Gerichtshof und Rechnungshof. Das demokratisch gewählte EU-Parlament mit ihren 700 Mandataren verwaltet nur ca. 1 % des EU-Budget.

 

Und die Macht der Industrie schreitet voran.


Der Handlungsspielraum der Regierungen wird nach und nach an eine internationale Wirtschaft abgetreten, die nur ein Ziel kennt: Globale Mehrung von Kapital und Macht. Die so entstandenen und international verflochtenen Kapitalgesellschaften, an ihrer Spitze die Pharma und Petrochemie, benutzen Gebilde wie die EU, für Ihre Zwecke.

Allein in Brüssel sind 10.000 Lobbyisten aktiv, das heißt Leute die von Ihren Unternehmen dorthin entsandt werden, dort auch Ihre Büros haben, und nur den einzigen Zweck dienen, die Entscheidungen die dort getroffen werden, zu Gunsten Ihres Unternehmens oder Wirtschaftszweiges zu beeinflussen.

Die Entscheidungsfindung von den Kommissaren und den rund 700 EU-Parlamentariern wird natürlich von diesen 10.000 Lobbyisten massiv gesteuert, sonst würden sie nicht in solcher Zahl von der Wirtschaft auch noch gut bezahlt werden.

Gleichzeitig ist man dabei, das Netz der weltweiten Kapitalströme auszubauen, und lästige nationale Verordnungen auszuschalten, die auf Grund von Umwelt und gewachsenen Strukturen entstanden sind.

Dieses Bestreben hat den Namen MAI (Multinationales Abkommen für Investitionen). Was in diesem Papier steht, überschreitet so manche Vorstellungen und würde den Rahmen hier sprengen. Und nicht umsonst sagte der Münchner OB Ude "Es ist nur eine Frage der Zeit, bis von der Industrie die zehn Gebote als "verhängnisvoll für den Wirtschaftsstandort  Deutschland bezeichnet werden."

Allein der Einfluß vom "European Roundtable of Indusrialists" abgekürzt ERT, dem 45 Vorstandsvorsitzende der größten europäischen Multis angehören, ist schier unglaublich und würde alleine eine Abhandlung füllen. Dieser Club bereitet Vorschläge bis zum fertig formulierten Gesetzestext vor, die dann die EU-Kommissare umsetzen.

Eine Europa der Völkerverständigung und politischen Einigkeit kann das Ziel sein, aber nicht ein Europa der Konzerne wie es momentan ist.

Der Bauer als Bittsteller und  Subventionsempfänger.

Alle Bauern werden mit Bürokratischen Hürden (z.B. Mehrfachantrag) geradezu überhäuft, wo ein durchblicken so schwierig ist , daß sich die Bauern versammeln müssen, um unter fachlicher Anleitung Anträge ausfüllen zu können. Wird etwas falsch ausgefüllt, oder nicht zum richtigen Zeitpunkt gemeldet, muß man um Stützungen bangen oder sogar Strafe bezahlen.

Und immer wieder versichern Bauernfunktionäre, "wir arbeiten für Euch und setzen uns für Euch ein". Aber es ist sogar ein Österreicher Landwirtschaftskommissar und geändert hat sich gar nichts, im Gegenteil. Die Maschinerie läuft immer schneller.

Aber dem nicht genug . Gentechnik,  jetzt unter dem Namen Biotechnologie oder  Life Sciences, stellt so manches Dagewesene in den Schatten. Über diese Thema werden wir ein anderes mal ausführlicher schreiben. Nur soviel: Durch die geschaffene Möglichkeit, Pflanzensorten , Gene und manipulierte Organismen zu patentieren, wird der Bauernstand noch weiter geknebelt, und das Ziel der Pharma Multis, sowohl die Medizin als auch die Nahrungsmittelproduktion vom Samenkorn bis zur Konservenbüchse zu beherrschen, rückt immer näher. Von gesundheitlichen Bedenken ganz zu schweigen. 

Letzter Auswuchs, das sogenannte Terminator Gen: Bis jetzt verpflichteten Pharmafirmen (Saatgutfirmen), unter Androhung von gewaltigen Strafen, Bauern vertraglich dazu, die geernteten Samen nicht wieder für den Anbau zu verwenden, damit jedes Jahr neues Saatgut gekauft werden muß. Da dies nicht immer funktionierte und die Bauern, gerade in den USA und in Europa,  mit Klagesfluten eingedeckt werden mußten, wurde eine "Verbesserung" erfunden, nämlich die Terminatorpflanze, die nur einmal wächst, d.h. der geerntete Samen geht nicht mehr auf. Man überlege sich diese Perversion genau.

Aber der Weg ist von Brüssel vorgegeben. Das Ziel ist immer mehr immer billiger zu erzeugen. Bei diesem Wettlauf werden zwangsläufig die Familienbetriebe auf der Strecke bleiben.

Man braucht sich ja nur anzusehen wie viele Ihre Höfe noch im Vollerwerb führen können. Die meisten sind gezwungen, anderwärtig einer Arbeit nachzugehen. Der damit verbundene zusätzliche Zeiteinsatz, der so oft auch auf den Bäuerinnen lastet, tut das seine dazu. Nicht zuletzt verliert auch ein Land mit der Bauernschaft die Möglichkeit, sich in der Krise selbst zu ernähren.

Hiezu sollte uns auch die jüngste Geschichte an etwas erinnern. Denn es war Josef Stalin, der wußte, daß er Russland nur in den bolsewistischen Griff bekommen kann, wenn es ihm gelingt den Bauernstand zu zerschlagen. Deshalb lies er mit Gewalt Kolchosen und Sowchisen errichten, damit die Wurzeln von Kultur und Religion der Gesellschaft ausgerissen wurden. Anstelle der Kleinbetriebe entstanden so wie heute in der EU, riesige Agrarfabriken.

 Man sollte sich dazu Gedanken machen, damit nicht anstelle des Bolschewismus ein mindestens ebenso gnadenloser Kapitalismus tritt. Denn mit dem Bauerstand gehen mehr als nur Arbeitsplätze verloren.

Gibt es Auswege ?

Dieses Rad zu wenden ist nicht leicht, aber möglich. Es gibt jede Menge Lösungsansätze, und Gruppen und Regionen die etwas vorzeigen, das jederzeit auch auf große Gebiete umsetzbar ist.  Kleine überschaubare Einheiten und Gruppen, anstatt überregionale EU. Gerade in Österreich gibt es viele Pilotprojekte mit überragenden Ergebnissen.

Auch die Entwicklung hin zu einer bewussten, gesunden und biologischen Ernährung beinhaltet viele Möglichkeiten und kommt dem Familienbetrieb zu Gute.

Das es natürlich kein allheil Rezept gibt, ist klar. Es muß vor allem eine flächendeckende Extensivierung stattfinden und eine Zahlung gerechter Preise für Qualitätsprodukte. Gerechte Preise, die die ökologische Wahrheit sagen und die Bauern für Ihre Arbeit angemessen entlohnen.   

 Dieses Ziel zu erreichen wird allerdings nur schwer möglich sein, solange wir unter den Zwängen der EU stehen, die meiner Ansicht nach das Hauptproblem ist. Denn die Möglichkeit uns selbst zu bestimmen wird von dieser wenig demokratisch organisierte Organisation sehr eingeschränkt. Sie beschließt schon einen Großteil unserer Gesetze und bald schon über unserer Währung, und vieles mehr (Sanktionen).

 Alle Veränderungen beginnen im Kopf. Und jeder, ob Bauer oder Konsument, sollte sich bewusst sein, wo wir stehen und wo diese Entwicklung hin führt. Und nicht wie den Bauern oft vorgesagt wird, daß sie mit ihren paar Prozent Bevölkerungsanteil nichts erreichen können, glaube ich, das sie einen wichtigen und gewichtigen Teil der Gesellschaft darstellen, aus dem ja auch viele stammen. Darum wehren wir uns !

Fritz Loindl


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